Heile Haut

Das Leder, aus dem Julia Baiz in Kempten ihre Taschen und Accessoires fertigt, ist von einem  regionalen Arche-Hof, der großen Wert auf Tierwohl legt. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit, die die Designerin von der breiten Masse abhebt.

Zum Thema

Traditionelles Handwerk und kreatives Design, schwere Hämmer und zarte Hände: Was auf den ersten Blick einen gegensätzlichen Eindruck macht, lässt sich in Wahrheit gut vereinen. Zumindest für Julia Baiz. Denn in ihrer Ledermanufaktur in der Kemptener Innenstadt stellt sie in Handarbeit, die körperlich nicht zu unterschätzen ist, moderne Taschen und Accessoires aus Leder her. „Wichtig ist mir dabei natürlich das Ausgangsmaterial“, erzählt die 37-Jährige und bezieht sich dabei nicht nur auf dessen Aussehen. Es geht ihr bei ihren Produkten darum, dass sie und ihre Kunden auf nachhaltige Ware setzen.

LEBENSSPUREN INKLUSIVE

„Tierwohl und Regionalität sind das Stichwort“, sagt Baiz und zeigt klare Kante. „Ich brauche kein Leder aus Indien, bei dem ich weder Tier noch Lebensumstände kenne, und das einmal um die halbe Welt geschippert ist.“ Ihre Lösung: Leder vom Arche-Hof Birk im Weitnauer Ortsteil Hellengerst. Auf dem Hof werden vom Aussterben bedrohte Tierarten gehalten. Unter anderem das Original Allgäuer Braunvieh, von dem es derzeit nur noch wenige hundert Stück gibt. Wird eines der Tiere dort geschlachtet und direkt vermarktet, klingelt im kleinen Unternehmen „Jule Baiz“ das Telefon. „Wenn ich mir das Leder angeschaut habe, lasse ich es pflanzlich gerben“, erzählt die Kemptenerin, die gebürtig aus Isny stammt. Zwar dauert dieser Prozess erheblich länger als das industriell gängige Gerben mit Chrom, „aber dafür sind darin keine krebserregenden Giftstoffe, die sich mit der Zeit am Körper auflösen“, sagt Baiz. Auch die Lebensspuren der Tiere auf der Haut, wie Narben und Farbveränderungen, lässt sie nicht entfernen. „Das Tier hat einmal gelebt und das darf man auch sehen“, ist sie überzeugt. Deswegen bleibt ihr Leder auch offenporig. Recht bekommt sie mit ihrem Konzept von ihren Kunden. "Leute entscheiden sich bewusst für so eine Tasche“, weiß Baiz. Regelmäßig bekommt sie in ihrer Werkstatt in der Immenstädter Straße Besuch von Interessenten. „Ich arbeite hauptsächlich mit Terminanfragen. Ich möchte, dass die Leute das Leder sehen, bevor sie etwa eine Tasche in Auftrag geben“, erzählt sie mit einem Lächeln.

Zum Thema
Zum Thema

ALLGÄUER UNIKATE

Aus knapp 20 Taschenmodellen, unterschiedlichen Gürteln, Schlüsselanhängern, Armbändern oder Tablethüllen können Besucher wählen und dabei einiges mitbestimmen. „Ich mache das Produkt ja noch. Also sind etwa bei Taschen Lederbeschaffenheit, Farbe, Henkel oder Innenfutter individuell wählbar“, erklärt die gelernte Orthopädieschuhmachermeisterin. Eineinhalb bis zwei Tage verbringt sie dann mit der Produktion einer Tasche von mittlerer Größe. Preislich bleiben die Taschen von Baiz dennoch attraktiv: Einfache Modelle beginnen bei rund 200 Euro. Der Aufwand ist bei einer Tasche enorm. Nachdem die Frau die drei Quadratmeter große Lederhaut auf ihren Zuschneidetisch gewuchtet hat, geht es ans Anzeichnen und Ausschneiden des robusten Leders. Zuerst die beiden Seiten, dann der Boden. „Mit einem Riemenschneider schneide ich dann die Henkelstreifen“, erklärt Baiz. Nachdem sie die Seiten abgerundet, Löcher händisch gestanzt und die Schnalle angebracht hat, wird sorgfältig vernäht. „Jetzt haben wir aber noch kein Innenfutter.“ Also macht sie das Gleiche noch einmal aus Stoff oder dünnem Futterleder. „Innentaschen und Reißverschlüsse sind wirklich filigrane Arbeit“, beschreibt sie. Am Ende vernäht sie Innenfutter und Leder, ein handgemachter Boden gibt der Tasche Stabilität.

BEI NULL ANGEFANGEN

„Es ist genau die Arbeit, für die ich mich wieder entscheiden würde“, sagt Baiz, die für ihre Manufaktur viel riskiert hat. Nach ihrer Lehre zur Orthopädieschuhmacherin in Isny heuerte sie in Ermengerst an und zog nach Kempten. Nach zwei Gesellenjahren setzte sie in Frankfurt ihren Meister obendrauf. „Ich bin während der Wochenenden nicht heimgefahren und durfte in die Werkstatt. Dort habe ich für mich selbst Sachen aus Leder hergestellt“, erzählt Baiz über die folgenreichen Tage. „Ich habe gemerkt: Dort kann ich viel kreativer und freier arbeiten. Es hat mich gepackt.“ Nach ihrer Meisterprüfung arbeitete sie zwar noch ein Jahr in ihrem Brotberuf. „Aber dann, vor zehn Jahren, habe ich gekündigt und bei null angefangen.“ Verkaufsstände in Reha-Kliniken und auf Kunsthandwerkermärkten haben sie vor ihrem Durchbruch mit Auftragsarbeiten über Wasser gehalten. „Es war nicht immer einfach“, sagt sie im Nachhinein und lässt den Blick schweifen. Hängen bleibt er an ihrem Taschenmodell Louisa – ihrer Lieblingstasche und gleichzeitig ersten Modell. Stets hat sie weitere entwickelt und mit ins Portfolio aufgenommen. Auch für die Zukunft hat sie einiges vor. „Ich möchte online stärker vertreten sein und das Angebot für Männer ausweiten“, sagt Baiz.

Zum Thema