Gipfeltour mit Umwegen

Der Heilbronner Weg ist einer der ältesten und beliebtesten Höhenwege der Alpen. Da wird bei einer Begehung wohl nichts schiefgehen, dachten wir, bis unsere Wanderung eine ungeahnte Wendung nahm.

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Ein Tag wie im Paradies

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Er ist das Bergsteiger-Highlight in den Allgäuer Alpen. Felsig, schroff, ausgesetzt und an vielen Stellen mit Stahlseil gesichert, führt der Heilbronner Weg zunächst durch den Felsen und später auf den Grat des Allgäuer Hauptkamms. Man kommt vorbei am Hohen Licht, Bockkarkopf und Mädelegabel. Es ist der einzige Höhenweg Deutschlands im Hochalpine Er verläuft auf der gesamten Strecke oberhalb von 2400 Metern. Bei gutem Wetter hat man von dort einen Blick auf hunderte Alpengipfel.

EIN PARADIESISCHER TAG FÜR EINE WANDERUNG

Diese Bilder haben wir im Kopf, als wir uns von Einödsbach bei Oberstdorf auf den Weg machen. Über uns nur blauer Himmel und Schäfchenwolken. Ein paradiesischer Tag für eine Wanderung. Das findet auch unser Bergführer Alexander Grotz aus Pfronten. Gemächlich geht es zunächst los durch das Rappenalptal. Ein schmaler Pfad, gelegentlich felsdurchsetzt, bringt uns über zweihundert Höhenmeter bis zur Peters-Alpe. Un- ser Blick geht in Richtung Mädelegabel und Trettachspitze. Nun zieht der Weg an und es geht steiler nach oben. Anstrengend für die Beine, aber dafür bringen wir schnell weitere zweihundert Höhenmeter hinter uns und werden mit einem Bier aus der höchstgelegenen Minibrauerei Europas belohnt. Die Brauerei befindet sich auf 1804 Metern an der Enzianhütte.

ZAHLREICHE MURMELTIERE UNTERHALTEN DIE GÄSTE

Wir befinden uns oberhalb der Baumgrenze, westlich von Linkerskopf (1459 m) und Rotgundspitze (2485 m). Nach einer kurzen Pause geht es weiter. Wenig später unterqueren wir die Materialseilbahn der Rappenseehütte. Von nun an steuern wir auf den Mußkopf zu (1968 m), ehe wir nach Osten drehen und dann noch einmal recht steil die letzten Meter nehmen. Und dann liegt sie vor uns, die Rappenseehütte, unser heutiges Etappenziel. Etwas über drei Stunden haben wir bis hier oben gebraucht. Es herrscht reger Betrieb auf der Hütte, aber auch davor. Auf den hügeligen Wiesen rund um die Hütte scheinen zahlreiche Murmeltierfamilien zu leben und die bieten den Gästen auf der Terrasse ein Schauspiel.

DER WIRT RÄT UNS AB

Aus einem anderen Grund herrscht auf der Hütte eine gewisse Unruhe. Einige Wanderer sind heute aus Richtung Kemptener Hütte gekommen und deren Nachrichten sind alles andere als gut: Unterhalb des Hohen Lichts hat es einen gewaltigen Felssturz gegeben. Damit ist der Weg zum Hohen Licht und zum Heilbronner Weg weitgehend verschüttet. Hüttenwirt Andreas kommt wenig später ebenfalls von einer Besichtigung des Felssturzes zurück und seine Miene verrät, dass es ernst ist. Er rät dringend davon ab, den Höhenweg anzugehen. Schnell bilden sich Grüppchen, die die verschiedenen Optionen besprechen. Soll man es trotzdem versuchen, oder lieber zurückkehren. Ist der Weg über das Hochalptal eine Alternative? Alexander schlägt vor, dass wir uns am nächsten Morgen die entsprechende Stelle anschauen und dann entscheiden. Zunächst aber sollten wir den Abend auf der Hütte genießen.

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DER SCHNEE IST HART WIE EIS

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Sechs Uhr dreißig und wir sitzen am Frühstückstisch in der Hütte. Die ersten Gruppen sind schon in Richtung Hohes Licht aufgebrochen. Alexander bespricht mit uns die Route, dann machen wir uns fertig. Langsam steigt sie Sonne über Rotgundspitze und Hochgundspitze auf und sorgt für ein tolles Spiel aus Licht und Schatten im Tal. Wir passieren den kleinen See neben der Hütte und gehen dann bergauf. Kaum haben wir die große Steinscharte durchschritten gelangen wir auf ein langes Altschneefeld. Der Schnee ist weitgehend vereist und es gilt, vorsichtig einen Schritt vor den anderen zu setzen, um nicht auszurutschen.

ALLE DREHEN UM

Und dann sehen wir das Hohe Licht. An der Westflanke des Berges befindet sich ein langer dunkler Schatten. Von
Weitem scheint es wie eine Schlammlawine. Beim Näherkommen erkennt man jedoch die einzelnen Gesteinsbrocken. Die Größe ist erschreckend. Mehrere Tonnen Gestein sind dort heruntergekommen. Wir sehen eine Gruppe von Wanderern, die circa hundert Meter über uns kurz vor der Felssturzstelle stehen. Alle drehen nach einer Weile um und steigen wieder ab. Wir sehen uns das Geschehen noch eine Weile lang an, bis Alexander verkündet, dass wir unter diesen Bedingungen nicht weitergehen werden. Es ist schlichtweg zu gefährlich. Es gibt an der Stelle keinen halt und die Felsbrocken und Steine liegen lose auf dem gefrorenen Schnee. Es wäre wie der Versuch, durch einen Raum zu gehen, dessen Boden vollständig mit Murmeln bedeckt ist. Nur dass es vom Hohen Licht gut 200 Meter steil in die Tiefe geht. Wer dort oben ins Rutschen kommt, hat keine Chance. Sollen wir nun aber zurück zur Rappenseehütte gehen oder besser durchs Hochalptal? Wir wählen das Tal.

PLÖTZLICH GEHT ES NICHT MEHR WEITER

Zuerst ist der Weg leicht felsig, dann geht es über Wiesen und kleine Schneefelder in Richtung Lechtal. Latschen und allerlei Blumen und Gräser säumen unseren Weg. Wir passieren einen Wasserfall und wer- den auf dem ganzen Weg vom Plätschern des Wieslesbaches und später des Hochalpbaches begleitet. Es ist heiß und der Schweiß rinnt, aber wir sind guter Laune. Die erste Enttäuschung über den Abbruch unserer Wanderung ist schnell vergessen. Wir genießen den Ausblick und den abwechslungsreichen Wanderweg, bis es plötzlich nicht mehr weitergeht. Der Weg vor uns ist abgerutscht. Es sind nur circa drei Meter, aber es gibt nirgendwo Halt, um die Stelle gut zu überqueren. Rochus wagt sich vor. Und meistert die Stelle, indem er sein Gewicht gegen den Berg lehnt und selbst auf kleinsten Steinchen Halt findet. Als Nächstes hilft er mir über das Teilstück hinweg, unser Bergführer Alexander entscheidet dennoch, dass wir besser ein Seil über die Passage spannen. So können die restlichen Mitglieder unserer Gruppe sicher über die Stelle kommen.

DANKBAR FÜR EINE WUNDERSCHÖNE WANDERUNG

Nachdem alle sicher auf der anderen Seite angekommen sind, geht es zügig weiter. Der Weg schlängelt sich sanft abfallend in Richtung Tal. Bald schon hören wir die ersten Autos und das Rauschen des nahen Lechs. Es geht kurz durch ein Waldstück und der letzte Kilometer führt uns auf einer asphaltierten Straße zum Wanderparkplatz unweit von Steeg. Fast fünf Stunden dauerte unser Abstieg und wir sind merklich erschöpft. Aber wir sind auch dankbar für diese wunderschöne Wanderung durch das Hochalptal. Unser Bergführer Alexander spricht noch einmal sein Bedauern darüber aus, dass wir den Höhenweg nicht machen konnten. Doch niemand von uns zweifelt an der Entscheidung. Alles, was wir uns jetzt noch wünschen, ist ein kühles Bier und etwas Entspannung für die Beine. Wir wissen aber auch: Wir kommen wieder. Der Heilbronner Weg ist schließlich bereits 120 Jahre alt, da kommt es auf das eine oder andere Jahr nicht an.

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