Der Prinz des Lebens

Sein Name wirft keine Rätsel auf, seine Weisheiten schon:
Die Rede ist von Antoine de Saint-Exupéry, jenem französischen Piloten und Schriftsteller, der den meisten als Verfasser des Buches „Der Kleine Prinz” bekannt ist. In Eisenharz im westlichen Allgäu verläuft ein Aphorismen-Weg, der sich seinen Weisheiten widmet.

Ein bissiger Wind pfeift am Tag unseres Spaziergangs durch die Argenbühler Moorlandschaft, doch wir haben glücklicherweise vorgesorgt und Mützen mitgebracht. Wolken hängen schwer über uns am Himmel, als könnten sie es kaum erwarten, ihren Inhalt über unsere Köpfe zu ergießen. Ein ungemütliches Wetter für einen Ausflug. Anderer Meinung ist Labradordame Luzi, die aufgeregt ihre Nase im Gras am Wegesrand vergräbt. Schön kühl hier draußen, denkt sie sich wahrscheinlich, denn den Winterpelz ist sie noch nicht restlos losgeworden.

Blick nach innen

Sobald wir die erste Tafel mit einem philosophischen Spruch erreichen, reut es auch uns nicht mehr, den Schritt vor die Tür gewagt zu haben. Kälte? Unwichtig. Wir konzentrieren uns fortan auf unser Inneres. Darauf, was die Worte Exupérys in uns bewirken. Oder vorerst: ob wir deren Sinn überhaupt ergründen können. Allzu schnell wird klar, dass dieses Unterfangen bei einigen Sprüchen misslingt.

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Der Mensch in der Kritik

Schnell wird aber auch klar, dass der Schriftsteller die Menschheit mit kritischer Feder bedacht hat. In seinem Prinzenbuch schreibt er: „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.” Was Antoine de Saint-Exupéry noch nicht ahnen konnte, als er diese Worte zu Papier brachte: dass in der Welt, die er bis zu seinem Tod 1944 gekannt hat, der Kaufrausch nicht annähernd seinen Höhepunkt erreicht hatte.

Virtuelles Glück

Internet. Smartphone. Technik, die uns Menschen Fortschritt ermöglichen soll. Natürlich wäre es gelogen, beidem eine erhebliche Weiterentwicklung in unser aller Leben abzusprechen. Bleibt nur die Frage: Weiterentwicklung in welcherlei Hinsicht? Weswegen wir es uns an diesem wenig frühlingshaften Nachmittag erlauben, uns in die Perspektive des längst verstorbenen Aphoristikers hineinzuversetzen. Exupéry hätte vermutlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, erwähnte man ihm gegenüber das Wort „virtuelle Freunde”. Erscheinen diese doch beinahe noch weniger glückbringend als jene versuchsweise gekauften. Denn virtuelle Freunde hinterlassen oft den Eindruck, man habe sie wahrhaftig, die Freunde.

Faszination Metallschild

Drängend stupst Luzi uns mit ihrer feuchtkalten Schnauze an. „Kommt schon, grübeln könnt ihr auch unterwegs noch”, scheint sie sagen zu wollen. Sicherlich wundert sie sich, warum wir heute überhaupt so fasziniert von kleinen Metallschildern sind. Ist nicht der kleine Bach spannender, in dem man so wunderbar plantschen und den Durst stillen kann? Oder die vielen Maulwurfshügel, die so aufregend nach den halbblinden Untermietern riechen?

Blick frei

Ausnahmsweise geben wir dem Begehren unserer Hündin nach und marschieren strammen Schrittes weiter. Immerhin misst die gesamte Strecke sieben Kilometer. Bei etwa der Hälfte des Weges machen wir einen kurzen Abstecher zum Aussichtspunkt Isnyberg und lassen uns auf die Bank plumpsen. Zwar ist der Spaziergang nicht anspruchsvoll, aber die Sprüche regen zum Denksport an. An diesem Tag sind die Berge wolkenverhangen, doch aus Erfahrung wissen wir, dass man bei gutem Wetter von unserem Standpunkt aus zur Nagelfluhkette hinübersehen kann. Inzwischen sind wir auf geteerten Straßen unterwegs. Autos begegnen uns trotzdem kaum welche und Luzi darf weiterhin frei Schnauze umherlaufen. Aus dem Kamin eines einsam gelegenen Hofes quellen dicke Rauchwolken. Zu der Jahreszeit eher eine Seltenheit, doch es scheint so, als wäre an diesem Tag nicht nur uns kalt.

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Geld ungleich Glück

„Wenn wir nur für das Geld und den Gewinn arbeiten, bauen wir uns ein Gefängnis und schließen uns wie Klausner ein”, steht auf dem nächsten Schild. Und weiter: „Geld ist nur Schlacke und kann nichts schaffen, was das Leben lebenswert macht.” Wind, Sand und Sterne ist der Name des Buches, in dem Antoine de Saint-Exupéry diese Weisheit festgehalten hat. Sind viele Sätze aus dem Kleinen Prinzen allgemein geläufig – etwa, dass man nur mit dem Herzen gut sehe und das Wesentliche für die Augen unsichtbar sei – gibt es wiederum Zitate aus Werken, die uns völlig unbekannt sind und die den Aphorismen-Weg umso lohnenswerter machen. Denn wie viel ärmer wäre dieser Planet nur, wenn Geld das Glück der Welt brächte und wie viel reicher hingegen wäre er doch, könnten Sterne lachen?

Info:

PARKEN: kostenlos in Eisenharz auf den Parkplätzen neben dem Feuerwehrhaus, Isnyer Straße 14; von Isny und Wangen besteht zudem eine gute Busverbindung nach Eisenharz (Ausstieg: Isnyer Straße)

STRECKE: 7 Kilometer

DAUER: circa 2 Stunden

KINDERWAGEN/ROLLSTUHL: es gibt eine Alternativroute entlang der Straße

AUSRÜSTUNG: festes Schuhwerk, die Wege können bei nasser Witterung mitunter matschig sein, Mütze mitnehmen, in der Ebene ist es oft windig

ENTSORGUNG HUNDEBEUTEL: am Aussichtspunkt Isnyberg und an einem weiteren Korb