Im Wald des Drachen

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Das Allgäu wimmelt nur so von alten Geschichten, Märchen und Sagen – gerade an entlegenen Orten wie dem Wald rund um die Sturmannshöhle in Obermaiselstein. Einheimische glaubten, merkwürdige Gestalten und Wesen gesehen zu haben. Zur Sturmannshöhle führt ein Sagenweg durch den märchenhaften Wald. Dort trifft man auf längst in Vergessenheit geratene Waldbewohner – und manche von ihnen sind auf Rache aus.

Schwindelerregend hoch ragen die Felsen zu beiden Seiten der Straße gen Himmel. Man fühlt sich klein wie ein Käfer, wenn man vom Wanderparkplatz bei Obermaiselstein durch die gewaltige Spalte hindurchläuft. Eine Tafel erklärt, warum sich diese Schlucht „Hirschsprung“ nennt. Einst jagte hier ein hungriger Luchs einen Hirsch. Um seinem Verfolger zu entkommen und am Leben zu bleiben, gab es für den Hirsch keinen anderen Ausweg mehr, als über die gigantische Felsspalte hinüberzusetzen. Mutig wagte es der Hirsch. Mit einem mächtigen Satz sprang er über die klaffende Schlucht unter ihm und rettete sich vor den Fangzähnen des Luchses. Seither ist der sagenumwobene „Hirschsprung“ auf dem Wappen von Obermaiselstein verewigt.
Direkt hinter der mythischen Felsschlucht kündigt der Wegweiser einen Sagenweg an. Er deutet nach links auf einen unscheinbaren Kiesweg, der zu beiden Seiten von knallgrünem Gras umwachsen wird. Hier also soll das Reich der Sagen beginnen? Tatsächlich. Denn schon nach wenigen Schritten wartet eine Informationstafel auf neugierige Besucher.

Wundersamer Spiegel

Das Venedigermännle, steht da in Großbuchstaben. Ein Einheimischer aus Obermaiselstein hat es wohl durch einen magischen Spiegel hindurch in den Felsen erblickt. Legt man den Kopf in den Nacken und schaut an den von Bäumen und Buschwerk bewachsenen Felsen hinauf, kann man in der Ferne eine Figur ausmachen, die im Begriff ist, sich hinter dem dichten Blattwerk zu verbergen und sich somit den Blicken der Beobachter zu entziehen.
Was von unseren Augen allerdings ungesehen bleibt, sind die goldenen und silbernen Zapfen, die damals vom Fels herabhingen. Ihretwegen nahm das Venedigermännle das waghalsige Unterfangen auf sich, in die Felsen zu klettern. Es wollte nämlich so viele Zapfen wie möglich in seine Taschen stecken. Doch plötzlich bemerkte das Männlein, dass der Obermaiselsteiner durch den Spiegel hindurch alles beobachtete. Es begann, ihn anzuflehen, den Spiegel fortzuwerfen. Andernfalls wäre es dazu verdammt, in den Abgrund zu stürzen. Ob die Gier des Einheimischen wohl überwog oder er von dem wundersamen Spiegel abließ?

 

Loderndes Feuer

Der Weg führt jetzt tief in den Wald. Schön kühl ist es hier. Wenn die Sonne die Blätter der Bäume grün aufleuchten lässt und ihre Strahlen zwischen den Nadeln der hohen Tannen hindurchblitzen, entsteht eine Atmosphäre wie im Märchenwald. An einer großen Weggabelung folgt die nächste Beschilderung. Zur Station zwei geht es ein kleines Stück bergab. Der Blick fällt auf drei Röhren aus gerostetem Metall, die an ihrer Vorderseite mittig ein ovales Loch haben. Wieder hält eine Tafel die Geschichte dazu bereit. Klangrohre nennen sich die metallenen Gebilde. Legt man ein Ohr ans Rohr und schließt fest die Augen, kann man das Lagerfeuer längst vergangener Tage lodern hören.
Nahe am Bach lebte hier einstmals das fahrende Volk. Das Feuer konnte man ihr Element nennen, denn ihnen misslang es nie, ein Lagerfeuer zu entzünden. Es heißt gar, dass das Gebiet rund um Obermaiselstein dank dem Schutz des fahrenden Volkes keinen Unwettern mehr ausgesetzt war. Doch eines Tages wurde das fahrende Volk am Schwarzenberg vertrieben. Abgrundtiefe Wut richtete den Zorn des Volkes gegen die Obermaiselsteiner. Die Nomaden machten von ihrem Element, dem Feuer, Gebrauch. Was sie damit anrichteten, erzählt die Geschichte auf der Informationstafel.

 

 

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Monster aus der Tiefe

Die Zeichen stehen auf Rückmarsch. Denn der Weg vom fahrenden Volk führt zum offenen Feld hinab. Rückmarsch zur letzten Weggabelung heißt es also. Der Pfeil des Wegweisers verspricht, uns zu den Stationen drei bis fünf des Sagenweges zu leiten. Bergauf geht es und tiefer in den Wald hinein. Vögel begleiten zwitschernd jeden Schritt. Hoch oben in den Baumkronen sitzen sie, dem menschlichen Auge verborgen. Und wahrscheinlich schauen die gefiederten Tierchen ihrerseits aus der luftigen Höhe der Bäume zu den Besuchern hinunter und verfolgen ihre Wanderung. Der Wald lebt. Rechts, direkt am Weg gelegen, ragt eine uralte Buche mehrere dutzend Meter in die Luft. Ihr jahrhundertealter Stamm ist moosbewachsen. Zahlreiche Pilze haben es sich an dem Baum gemütlich gemacht. Da ist er wieder. Der sagenhafte Hauch von Magie. Mulmig wird es einem zumute bei Station drei. Ein riesiges Monster bewachte vor hunderten von Jahren einen Goldschatz in der nahen Sturmannshöhle. Trat man zu dicht an sein Versteck heran, fauchte es bedrohlich.
Die Rede ist von einem monströsen Drachen mit kräftigen Hornplatten und einem gefährlichen Zackenkamm, der bis zu seinem Schwanz hinabreichte. Mittlerweile schlummert die unbesiegbare Bestie nicht mehr in den Tiefen der Felshöhle. Trotz ihrer stattlichen Körperlänge von etwa zehn Metern, muss man zweimal hinschauen, ehe man sie überhaupt findet. Der Drache hält friedlich ein Schläfchen auf dem weichen Waldboden und lässt sich die frische Brise unter den schattigen Bäumen um die Nüstern wehen.

 

Stuzze Muzz und Tschudre Mudre

Früher jedenfalls hatte der böse Drache in der Sturmannshöhle menschliche Mitbewohner. Und das waren nicht etwa kampferprobte, furchtlose Männer. Die sogenannten Wilden Fräulein hatten sich im felsigen Untergrund eine Wohnstätte eingerichtet. Stuzze Muzz, Tschudre Mudre, Ringede Bingge und Maringga hießen sie.
Besonderes Geschick bewiesen die Wilden Fräulein beim Spinnen von hauchdünnen Leinen, das nicht einmal die begabteste Hausfrau im fernen Dorf so hauchdünn gesponnen bekam. Zum Waschen ihrer Stoffe verließen die Wilden Fräulein ihr felsiges Versteck unter der Erde und begaben sich zum Fallenbach. Da geschah es, dass der Wind ein großes Wäschestück ergriff und hinab ins Tal einem Mädchen in die Arme trug. Hielten Menschen allerdings die Arbeit der Frauen in Händen, bedeutete das große Gefahr für die Wilden Fräulein. Es machte sie nämlich schutzlos und verwundbar. Ob das Schicksal der Wilden Fräulein damit wohl besiegelt war? Den Ausgang der Geschichte verrät die vierte Tafel auf dem Sagenweg.

 

Baumkunde für zwischendurch

Nun geht es aus dem schattigen Wald heraus an die Sonne. Wie das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf fühlt es sich an. Der Aufstieg zur letzten Station des Sagenweges ist steil. Doch eine Baumkunde am linken Wegesrand lenkt ab mit Spitzahorn, Rotbuche, Vogelkirsche und vielem mehr, bis der Wanderweg auf die Teerstraße mündet. In Serpentinen geht es hinauf an den Fels. Die senkrechten Wände erinnern an das Venedigermännle. Sicherlich ist es hier auch herumgekraxelt und hat die wertvollen Zapfen in seinen Taschen verschwinden lassen.

 

 

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Behüteter Schatz

Schließlich führt eine Metalltreppe, die sich direkt an die raue Felswand schmiegt, unter einer Holzüberdachung zum Höhleneingang. Noch drei, zwei, eins, keine Stufe mehr. Geschafft. Station fünf wartet mit einem sagenhaften Schatz, der lange Zeit im Sturmannsloch geruht haben soll. Ob er nun wirklich von einem Drachen oder etwa von einem schwarzen Mann gehütet wurde, ist unklar. Manche glaubten auch, dass
ein Felsblock von gigantischem Ausmaß an einem einzigen Drachenhaar
über dem Reichtum schwebte, der auf jeden Räuber tödlich herabsauste. Doch egal, welch grausamer Tod den Plünderer erwartete, die Sagen-Erzähler sind sich einig, dass der Schatz wohlbehütet war.

 

Anfahrt zum Sagenweg

in Obermaiselstein über die B 19,
Fischen, Obermaiselstein und Ried auf der OA 5 zum Wanderparkplatz „Hirschsprung“.