Mit dem Drahtesel durchs Gelände

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Der Königswinkel rund um Füssen bietet zahlreiche schöne Mountainbikestrecken. Gerade jetzt im Herbst sind die Bedingungen ideal, um sich in den Sattel zu schwingen und die vielfältige Landschaft zwischen Bergen, Seen und Königsschlössern zu erkunden.

Petrus meint es heute gar nicht gut mit uns. Graue Wolken ziehen über den Königswinkel hinweg und schwere Tropfen zerplatzen vor uns auf dem Asphalt. Ein wunderbares Wetter zum Radfahren, denke ich sarkastisch, während ich mir die Regenjacke überstreife und anschließend den Helm aufsetze. Dass ich trotz dieser Widrigkeiten nicht auf das Radfahren verzichte, liegt an André Janßen. Der Füssener ist ausgebildeter Mountainbike-Guide und Geschäftsführer der Agentur Allgäu Aktiv, die rund um Füssen und darüber hinaus verschiedene Outdoor-Aktivitäten anbietet. André hat sich bereit erklärt, mir die Landschaft rund um Füssen näherzubringen und mich nebenbei ein wenig in das Mountainbike-Fahren einzuführen und er ist der Meinung, dass der graue Himmel über uns sich gleich verzieht. Also hoffen wir mal.

Auf ins Tal der Sinne

Einen Moment später radeln wir, den Kopf vor dem Regen eingezogen, durch die Füssener Innenstadt über die Morisse nach Bad Faulenbach. Auch wenn es nicht sieben Berge sind, die Bad Faulenbach vom Rest Füssens trennen, fühlt sich die Fahrt durch die enge Felsschlucht immer an wie eine Reise in eine andere Welt. Dort das wuselige, von Touristen durchströmte Füssen, hier das ruhige Tal, das wie verzaubert hinter dem Berg liegt. „Tal der Sinne“ nennt es sich denn auch. Hier kann man auf verschiedenen Pfaden alle Sinne erproben, ob auf dem Barfuß-Pfad, am Waldtelefon, auf der Kräuterwiese, im Schwefelwasser-Tretbecken oder auf dem Aussichtspunkt der Skisprungschanze.

Der Mystische Allatsee

Und als ob der Name des Tals Programm ist, nehmen unsere Sinne wahr, dass der Regen aufgehört hat. Doch damit nicht genug – auch die Wolkendecke beeilt sich, den blauen Himmel wieder freizugeben, sodass die Sonne das Tal in kürzester Zeit erwärmt. Während wir um Mittersee und Obersee fahren, werden wir Zeugen eines besonderen Schauspiels. Buchstäblich hunderte Alpensalamander kommen aus dem Gebüsch auf die feuchten Wege und recken ihre Köpfchen gen Himmel. Vorsichtig umrunden wir das Spektakel und machen uns dann auf den Weg zum Alatsee. Zum ersten Mal komme ich in den Genuss der Vorteile, die ein Mountainbike bietet. Sicher greift das breite Reifenprofil in den aufgeweichten Waldboden und die große Auswahl an Gängen macht die Fahrt auch für einen untrainierten Fahrer wie mich möglich. Vom mystischen Alatsee geht es nach Süden weiter.

Besuch beim König

Kurz machen wir einen Abstecher nach Österreich, in die Naturparkregion Reutte, wo mir der schwerste Teil der Tour bevorsteht. Es geht bergauf – und zwar richtig. Schon oft habe ich bei Wanderungen eher belustigt die Männer und Frauen auf Mountainbikes wahrgenommen, die im ersten oder zweiten Gang Forstwege bergauf fahren. Dabei treten sie „hummelwild“ in die Pedale, um im Schneckentempo voranzukommen. Jetzt gehöre ich auch dazu. Ich bemühe mich, Andrés Ratschlag zu beherzigen, und mein Tritttempo beizubehalten. Während meine Beine treten, als ging es um Leben und Tod, schiebe ich mich im Tempo einer Schildkröte den Berg hinauf. Dann ist es geschafft! Wir stehen am Scheitelpunkt. Von der Fürstenstraße geht es nun weitgehend abwärts
in Richtung des königlichen Alpsees. Kobaltblau schimmert er in der Sonne unter uns. In der Mittagshitze ist dies ein verlockender Anblick. Doch wir suchen uns wenig später unseren Weg durch die Touristenströme, die zu den Königsschlössern pilgern.

Auf zur Alpe

André kennt einen Abzweig, der uns schlagartig aus dem lauten Treiben in den Wald zurückführt. Auf einem schmalen Pfad, über zwei kleine Holzbrücken, schlängeln wir uns in Richtung Talstation der Tegelbergbahn. Als wir den Wald wieder verlassen, sind wir plötzlich ganz allein. Wenige Minuten später stellen wir unsere Räder vor der kleinen Alpe Reith ab. Wirt Christian empfängt André wie einenalten Freund und wenig später stehen Weißbier und Holunderschorle vor uns auf dem Tisch. Während wir uns ausruhen und der Blick auf die Königschlösser fällt, lasse ich die Tour im Kopf noch einmal Revue passieren. Auch wenn ich mich nichtmehr an jeden Abzweig erinnere, meine Beine signalisieren, dass sie schon lange nicht mehr so viel Rad gefahren sind. Fast drei Stunden sind wir bislang unterwegs.

Auf zur letzten Runde

„Magst du noch?“, fragt André nach einer Weile. Ich nicke. Also, Helm aufgeschnallt, Rad genommen und los. Unser Ziel ist der Lechfall. Dies ist heute die einzige Strecke, die uns ein Stück an der Straße entlangführt. Mittlerweileist es so heiß geworden, dass sich schon zahlreiche Menschen an den Kiesstränden rechts des Lechs eingefunden haben, um ihre Füße in das kühle Nass zu halten. Unsere Tour ist hier auf dem Maxsteg fast zu Ende. Zusammen mit André fahre ich wieder zurück in die Füssener Innenstadt zur Zentrale von Allgäu Aktiv. Obwohl ich jeden Muskel spüre, weiß ich schon, dass ich dieseTour noch einmal wiederholen werde. So viel von den Schönheiten Füssens und seiner Umgebung kann man kaum besser erkunden als mit dem Mountainbike.