rauschende Stille

Plätschernd bis rauschend sucht sich der Ostertalbach seinen Weg in die Gunzesrieder Ach. Entlang seines Wassers finden Wanderer Ruhe – aber das war nicht immer so.

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Die ersten Schritte führen über Asphalt. Was das mit einem Tobelweg zu tun hat? Nichts. Oder besser gesagt noch nichts, denn wenige Meter später kommt die Pforte zum Tobel in Sicht: zwei hohe Holzpfähle mit einem Dächlein darüber und der Aufschrift Ostertal-Tobelweg. Zuerst kann man das Wasser nur in der Ferne erahnen. Es blitzt hier und da zwischen den Bäumen hervor. Ein quietschendes Drehkreuz, eine hölzerne Brücke über ein Rinnsal von einem Bach, ein Wurzelpfad: Schnell fühlt es sich an, als wäre man aus der Welt.

Gefiederter Märtyrer

Bald plätschert der Ostertalbach direkt am Weg entlang. Ein Vogel ruft, lässt mehrere Augenpaare Wasser und Ufer absuchen, bis sie an einer Wasseramsel hängen bleiben. Die sitzt auf einem Stein mitten im Bergbach und wippt aufgeregt mit dem Schwanz, als wolle sie allzu frühe Wanderer zurechtweisen. Immerhin ist sie es, die sich hier ihren Lebensunterhalt verdient: kleine Fische. Charakterlich scheint der Vogel ein Märtyrer zu sein, denn die Wasseramsel stürzt ausgerechnet an der Stelle mit der stärksten Strömung dem Schnabel nach ins Wasser.

Dem Rauschen entgegen

Dann geht es steil hinab. Wer sich vom Rauschen ablenken lässt und denkt, er kann schauen und laufen gleich- zeitig, dessen Hintern wird sich für den Rest des Tages bei ihm bedanken: Besonders die runden Hölzer an den Stufen sind frühmorgens noch feucht und dementsprechend rutschig. Schwups! Schon legt man eine unsanfte Landung hin. Und ja, ich spreche aus Erfahrung.

Ein Abstecher auf einen großen Nagelfluhbrocken am Ufer: Da stürzt er zu uns hinab, der erste Wasserfall. Brau- send schäumt sein Wasser weiß auf, wo es auf die Oberfläche des smaragdfarbenen Gumpen trifft. So schnell wird aus einem Bach eine Naturgewalt. Wasser, das härter als Gestein ist. Das sich tief in den Grund gräbt. Wir lauschen dem Rauschen.

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Einst überrannt

Früher war es beinahe unmöglich, im Ostertaltobel ungestört zu sein. Stichwort: Canyoning. In Horden liefen Menschen in Neoprenanzügen auf den schmalen Pfaden, versammelten sich auf den Nagelfluhfelsen am Wasser, um auf letzte Gruppenmitglieder zu warten. Da gab es keine Ruhe, die Kraft der Natur zu bestaunen. Es gab nur das Weiterhasten zum nächsten Wasserfall, in der Hoffnung, dort nicht eine weitere Neoprenmannschaft anzutreffen. Doch seit vergangenem Jahr ist das Canyoning hier verboten. Die Natur soll aufatmen können, die vielen Trampelpfade abseits des Weges zurückerobern, die wegen der vielen Gruppen entstanden sind.

In Kaskaden fallend

Auf einem eisernen Steg quert man den Tobel. Für Hunde, die sich weigern, auf Gitter Wasser zu passieren, kann dieser Abschnitt zum Problem werden. In Kaskaden stürzt der Bach rechter Hand weiter in die Tiefe, während sich zur Linken gewaltige Felsen aus Nagelfluhgestein türmen, unter denen der Weg hindurchläuft. Schließlich sind die größten Aufs und Abs des Weges bezwungen. An einer seichten Stelle hat jemand Steinmännchen mitten ins Wasser gebaut. Bei manchen von ihnen scheint es unmöglich, dass die unregelmäßig geformten Klötze nicht aus dem Gleichgewicht geraten und polternd und klatschend zu Wasser gehen.

BÄREN(HUNGER)

In der Gunzesrieder Säge endet der Tobelweg. Teils asphaltiert, teils auf Schotter geht es links zurück zum Parkplatz. Aber keine Hast der Rast. Vor der Heimkehr sollte man sich Zeit für einen Zwischenstopp auf Buhl's Alpe nehmen, an der man ohnehin vorbeikommt. Dort gibt es Rösti, hausgemachte Kuchen oder Eis aus der Gunzesrieder Sennkuche. Zudem kann man sommers auf der Alpe meist Bären antreffen – oder zumindest braune Wollknäuel, die optisch an die Raubtiere erinnern. Bald jedes Jahr kalbt nämlich eines der Hochlandrinder. Der Nachwuchs ist plüschig wie ein Teddybär, hat blaue Kulleraugen und eine rosafarbene Schnauze.

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