Zu den Kletterkönigen der Alpen

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Vor 300 Jahren waren die Tiere fast ausgerottet, heute freuen sich alljährlich zahlreiche Wanderer an den Kletterkünsten der Steinböcke in den Allgäuer Alpen.
Unterhalb des Gipfels der Mädelegabel lassen sie sich besonders gut beobachten.

Der blaue Himmel spannt sich über uns. Schäfchenwolken ziehen vorüber. Einige Dohlen haben ihre Flügel im Wind aufgespreizt und lassen sich von der Thermik ­hinauftragen. Doch die Aufmerksamkeit der meisten Wanderer an diesem Tag gilt nicht den Vögeln. Vielmehr ist es der Steinbock, der sich unweit von uns auf einen großen Stein gelegt hat. Es scheint, als würde er uns herausfordernd betrachten, dabei lässt er einen Vorderhuf lässig herunterhängen.

Am letzten Gletscherrest der Allgäuer Alpen

Wir sind auf fast 2400 Meter Höhe, unterhalb des Gipfels der Mädelegabel, am Allgäuer Hauptkamm.Unweit von uns liegt die schwarze Milz, der letzte Gletscherrest der Allgäuer Alpen. Wer von hier aus weitergeht, erreicht bald die Bockkarscharte, ein Platz, der seinen Namen seiner Beliebtheit bei den Steinböcken verdankt.

 

Die Tiere waren in den Allgäuer Alpen ausgestorben

Dass Wanderer die Tiere hier oben noch bewundern können, ist nicht selbstverständlich. Über Jahrhunderte wurde der Steinbock in den Alpen gnadenlos gejagt. Den Hörnern, aber auch dem Fell und sogar dem Blut der Tiere wurden heilende Kräfte zugeschrieben. Anfang des 19. Jahrhunderts war der Alpen-Steinbock in Freiheit ausgestorben. Nur an einem einzigen Ort waren um 1900 etwa 100 Exemplare übrig geblieben. Sie gehörten dem italienischen König Vittorio Emanuele III. Dessen Großvater hatte im Aostatal ein privates Jagdgebiet eingerichtet, das Gran Paradiso, streng bewacht von bewaffneten Schutzmännern.Unter diesem Schutz konnten die Tiere überleben. Alle heutigen Alpen-Steinböcke stammen von der kleinen Population des italienischen Königs ab. Im Allgäu sind es mittlerweile wieder geschätzte 200 Tiere.

 

Die Kletterschule am Fels

Wer im Frühsommer zur Mindelheimer Hütte hinaufsteigt, der darf sich dort auf ein besonderes Ereignis freuen. Dann lehren die Geißen die jungen Tiere das Klettern im steilen Fels. Während wir dem Spektakel noch eine Weile lang zusehen, erhebt sich der Steinbock vom Felsen und verschwindet mit wenigen Sprüngen aus unserem Blickfeld. Wenig später machen auch wir uns auf den Rückweg.

 

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Die Fortpflanzungszeit der Steinböcke ist zwischen Dezember und Januar.
Nach einer Tragzeit von fünf bis sechs Monaten bringt ein Weibchen in der Regel ein Jungtier zur Welt, in seltenen Fällen auch zwei.

Alpen-Steinböcke gehören zur Art der Ziegen. Die Geißen wiegen ungefähr 40 Kilogramm, während die Böcke es auf über 100 Kilogramm bringen können. Steinböcke können über 20 Jahre alt werden.