Drahtesel aus Holz

Wenn man von einem Holzrad hört, traut man ihm auf Anhieb nicht viel zu. Tatsächlich ist es stabiler als manches moderne Carbonrad, wie ein Besuch bei Mächeler Klaus Gessenauer in Wertach zeigt. Er fertigt die Räder eigenhändig – aus Furnieren, die dünner als ein Streichholz sind.

Bis zu 100 Furniere werden zusammengeleimt

Ein Fahrrad aus Holz ist an sich exotisch genug – doch was, wenn das Holz nur anderthalb Millimeter dick ist? Klingt unmöglich oder aber nach Klaus Gessenauer. Zugegeben: Der Wertacher baut seine Holzräder aus bis zu 100 aufeinandergeleimten Furnieren, äußerst dünnen und hölzernen Deckblättern. Das macht den Rahmen des Gefährts um ein Vielfaches stabiler gegenüber einem Gestänge aus massivem Holz. Kaum zu glauben, sieht man das hauchdünne Stück Holz, das Gessenauer soeben verdreht, ohne dass etwas kaputtgehen würde.

Das Holz muss elastisch sein

„Diese Flexibilität brauche ich”, erklärt er und wir sind erst einmal verdutzt. Ein biegsamer Fahrradrahmen? Wozu soll das gut sein, außer dazu, nach dem ersten Aufsitzen sogleich auf dem Boden zu landen? Doch der Rentner, der die letzten 20 Jahre als Schwimmmeister arbeitete, lächelt milde ob unserer Verwirrtheit und zieht einige zusammengeleimte Furniere zur Demonstration herbei. Nicht etwa gerade ist das dicke Stück Holz, das später unterhalb des Lenkers angebracht werden soll. Es ist gebogen, womit sich die gewünschte Elastizität von selbst erklärt.

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Wo die Grenzen liegen

Besonders schnell müsse das Leimen vonstattengehen, erzählt Gessenauer, denn binnen zehn Minuten quelle der Klebstoff auf und würde trocknen. Was bedeutet: Die geleimten Furniere müssen möglichst rasch in die Form gesetzt und direkt im Anschluss von der Presse zusammengedrückt werden. Ansonsten wäre es um das Stück Fahrradrahmen auch schon geschehen. Immerhin zeigt eine Zahl eindrucksvoll, wie stabil das Holz nach dieser Bearbeitung ist: 120 Kilogramm. „Das wäre ein Gewicht, bei dem ich keine Angst hätte, wenn jemand damit mein Rad besteigt”, sagt der Wertacher gelassen. Obwohl er sich eigentlich eine vor Stolz geschwellte Brust erlauben dürfte, liegt doch bei vielen Rennrädern die maximale Belastung bei etwa 100 Kilogramm. Für ein Körpergewicht ab 130 Kilogramm sei im Übrigen kein Rennrad mehr gemacht, weiß Gessenauer – so auch seines nicht.

Eine Absage nach der anderen

Nun darf man sich allerdings nicht vorstellen, der Allgäuer Mächeler fertige das gesamte Rad samt Stahlstangen für Sattel und Lenker in stiller Eigenarbeit. Unmöglich wäre das in seiner kleinen Kellerwerkstatt, gesteht der Rentner. Wenngleich er einen steinigen Weg beschreiten musste, um eine Produktionsfirma für die Stahlteile zu finden. Immerhin benötigt er Sonderteile, die ausschließlich für seine Räder gefertigt werden. Kaum eine Firma wollte sich diese Mühe machen – bis auf jene in Italien, Gessenauers letzte Rettung sozusagen. Ungleich unkompliziert sagte hingegen der örtliche Schreiner Willmann sofort die Zusammenarbeit zu.

VERRÜCKT UND GENIAL

Um ehrlich zu sein: Es ist durchaus skurril, auf die Idee zu kommen, ein hölzernes Rennrad zu bauen. Eine Reaktion, die ein Großteil der Bekannten des Rentners teilte – mit dem Kommentar: „Der hat ja wieder Flausen im Kopf.” Hört man sich jedoch die Geschichte hinter den Flausen an, geht sämtliche Skurrilität verloren. Klaus Gessenauer betreibt seit 40 Jahre Radsport, hat einige Wettkämpfe im Triathlon bestritten, einen eigenen Fahrradladen besessen und sich schließlich ein Holzrad des Baujahres 1987 gekauft. Was diesen Kauf ein Stück weit begründet, ist seine Schwäche für Retro-Fahrräder.

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Stabil wie Carbon

Selbst erstaunt hat den Wertacher allerdings die Leistung, die jenes Holzrad erbracht hat, denn er legte damit fast 30000 Kilometer zurück. „Manche Leute denken, so ein Rad bricht wie ein Streichholz auseinander”, sagt Gessenauer und schmunzelt. Mitnichten. Ein Bekannter des Rentners arbeitet in der Fertigung von Carbon und beurteilte das selbstgebaute Rad mit den vielen geleimten Furnieren als ebenbürtig stabil. Und auch das Gewicht kann mit jenem des modernen Kunststoffes mithalten, denn Gessenauers Rad wiegt nach eigenen Angaben ohne Pedale 10,3 Kilogramm. Nun möchte er es für einen Radmarathon umrüsten, damit es zwei Kilogramm leichter wird. Zum Vergleich: Ein gewöhnliches Rennrad wiegt meist zwischen acht und neun Kilogramm, womit das Holzrad gut im Rennen stünde.

Ein Herz für Holz und Retro

Wir lassen ein letztes Mal unseren Blick durch den kleinen Kellerraum schweifen. Etwa ein Dutzend Retro- Fahrräder stehen dort oder hängen von der Decke. Viele baut der ehemalige Schwimmmeister für seine Kunden um, damit sie die Kriterien für ein Retro-Rennen erfüllen. Oft bedeutet das, dass er Kabel wieder freilegen muss, die gekonnt verbaut wurden. Separat steht das alte, gekaufte Holzrad, das zum Zeitpunkt unseres Besuches noch der Dreck der Toskana ziert, wo Gessenauer seine letzte Tour bestritten hat. Daneben das erste selbst gefertigte Sportrad und ein Freizeitrad, bei dem sogar die Schutzbleche aus Holz bestehen. Am besten eigne sich für die Fertigung Eschenholz, ist es doch stabil und nicht so schwer wie etwa Eichenholz. Zur Verzierung dient vielgemustertes Apfelholz. Was den Wertacher am Rohstoff Holz so fasziniert? „Man kann mit wenig Werkzeug viel daraus machen und es hat eine unglaubliche Festigkeit.” Abgesehen davon, dass Allgäuer Eschen zuhauf in den heimischen Wäldern zu finden sind – der Rohstoff wächst praktisch vor Gessenauers Haustür.

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