Jeder ist seines Messers Schmied

In Huttenwang im Ostallgäu bietet Alexander Schmidt Schmiedekurse für alle an, die einmal ein eigenes Messer oder Schmuckstück schmieden möchten. Doch neben vielen handwerklichen Kniffen lernt man bei Alex auch so manches über das Leben.

Der Handschlag ist fest, das Lächeln breit. Alexander Schmidt ist ein Typ wie aus längst vergangener Zeit. Stämmig, mit langem Zottelbart und zahlreichen Tätowierungen die an Hand, Hals und Arm hervorschauen. Seine Füße stecken in Clogs, die mit Kuhfell bezogen sind. Alex, wie er genannt werden möchte, ist einer dieser Menschen, die man sofort als Kumpel haben möchte, weil er eine Herzlichkeit ausstrahlt, die ansteckt.

Im besten Sinne urig

Während er mich ins Haus führt, streift Hündin Theresa um mich herum und beschnuppert mich ausgiebig. In der Küche begrüßt mich seine Frau Elke. Sie beide sitzen noch beim morgendlichen Kaffee und so setze ich mich dazu. Kaum sitze ich, gesellen sich noch zwei Katzen zu uns. Das Haus hier in Huttenwang bei Aitrang ist im besten Sinne urig. Viel Holz, viel Natur und viel Selbstgemachtes. Und das ist Alex auch wichtig.

Schon als kleiner Junge verbrachte er zeit in der Schmiede seines Opas

„Ich suche das Ursprüngliche, weißt du“, sagt er und erzählt dann, wie er zum Schmied wurde. Es war eine Dokumentation im Fernsehen über einen Schmied, der als letzter seiner Art vorgestellt wurde, die Alex inspirierte. „Ich war ja schon Metaller, hatte also einen Bezug zum Material. Irgendwie hat mich das fasziniert und ich dachte, dass ich das auch machen möchte.“ Schon als kleiner Junge, aufgewachsen bei Frankfurt, verbrachte er gerne Zeit bei seinem Großvater, der ebenfalls als Schmied tätig war. Aber nun wollte er das Handwerk selbst erlernen. Also suchte er sich einen Schmied, der ihm das Wichtigste zeigte und begann dann, es selbst auszuprobieren.

Felle, Knochen und anderes Sammelsurium

Geht man durch sein Haus, dann versteht man schnell, warum ihn dieses archaische Handwerk so begeistert. In seinem Lagerraum im Keller finden sich zahlreiche Felle von Ziegen, Hirschen, Rehen oder Dachsen. Daneben Geweihe, Knochen und Krallen. Das meiste bekommt er von Jägern aus dem Allgäu. Aber auch Fischer von Nord- und Ostsee versorgen ihn mit Muscheln, Krabbenscheren und anderen Fundstücken aus dem Meer, die Alex in seiner Schmiede zu Schmuck und Werkzeugen sowie Messern verarbeitet. „Das sind alles Dinge, die ansonsten weggeworfen werden“, sagt er. „Das ist doch schade, denn man kann schöne Dinge daraus machen.“

Auf über 1000 Grad

Seine Schmiede befindet sich in der Garage des Hauses. In diesem Rundbau, in dem man kaum etwas Größeres als einen Fiat 500 parken könnte, hat sich Alex sein Refugium geschaffen. Eine Werkbank, verschiedene Bohrer, Regale voller Dosen, Spachtel und Metallstücken, Aufhängungen für Zangen und Hämmer, zwei Ambosse und ein gasbetriebener Schmiedeofen, der ein wenig an einen Miniaturpizzaofen erinnert, aber schnell über 1000 Grad heiß wird.

Ein Stück Granatsplitter

„Also, was willst du machen?“, fragt mich Alex und zeigt auf die Kisten mit den Knochen, Hörnern und Hölzern. Ich entscheide mich für ein Jagdmesser mit einem Griff aus Hirschhorn. Alex reicht mir der Reihe nach Geweihe, die ich in die Hand nehmen soll, um zu sehen, welches besonders gut in der Hand liegt. Danach suche ich mir noch ein Stück Mooreiche zur Verzierung des Griffs sowie ein Stück Schmiedebronze für den Abschluss aus. Dann geht es an das Material für die Klinge. Stahl, denke ich mir. Und dann legt Alex mir alle möglichen Materialien vor. Da wäre eine alte Hufraspel, oder auch ein Stück Granatsplitter aus dem ersten Weltkrieg oder eben ein Stück Wolframstahl. Ich nehme den Wolframstahl, ohne zu wissen wie hart das Material ist.

Dann zischt das Metall

Doch bevor ich nun mit der Arbeit an meinem Messer beginnen kann, soll ich mich erst einmal an einem Stück Baustahl versuchen. Dazu legt Alex ein zylinderförmiges Stahlteil in den Ofen, der auf Hochtouren läuft. Der Ofen ist so heiß, dass wir zuschauen können, wie sich das Metall von schwarzgrau bis leuchtend gelborange verfärbt. Beherzt greift Alex zur Zange, zieht das Stück aus dem Ofen und legt es mir auf den Amboss. „Hier rauf und zwar mit Kraft“, sagt er und ich lege los. Immer wieder gibt Alex mir Anweisungen, wie ich den Hammer halten soll oder auf welche Stelle des Metalls ich schlagen muss. Doch nach wenigen Sekunden ist Schluss. Das Metall ist schon ausgekühlt. Also kommt es zurück in den Ofen und wir warten wieder, bis es die richtige Temperatur hat. So geht es nun immer weiter. „Klong, klong“, macht es, wenn der Hammer auf den Amboss trifft und langsam nimmt mein Messer Form an. Dann ist es so weit und Alex taucht die Klinge mit einem Zischen zum Abkühlen ins Wasser.

Es geht an die Feinarbeiten

Während die Klinge gehärtet wird, bearbeiten wir den Griff. Das passende Stück Horn wird abgesägt und dann mit dem Stück Mooreiche verklebt. Als nächstes wird das Bronzestück angepasst und mit der Klinge verlötet. Anschließend wird der Griff mit der Klinge „verheiratet“. Dazu wird zunächst der Steg der Klinge erhitzt und dann in das Hornstück eingebrannt. Zuletzt wird das Loch im Horn mit Epoxidharz aufgefüllt und der Steg der Klinge eingeführt. Nun geht es an die Feinarbeiten. Mooreiche und Bronzeabschluss müssen abgeschliffen und poliert werden, bevor Alex sich daranmacht, das Messer für mich zu schleifen.

Stolz nehme ich das fertige Messer

Währenddessen setze ich mich zu Elke in die Küche und mache mich an das Nähen meiner Lederscheide. Mit gewachster Kunstsehne und zwei Ledernadeln füge ich die kräftigen Lederhälften zusammen und befestige die Schlaufe für den Gürtel. Ich bin gerade fertig, als Alex mit dem Messer in die Küche kommt. Das, was eben noch kohlrabenschwarz gewesen ist, glänzt nun so hell wie Chrom. Erfreut und ein wenig stolz nehme ich das Messer und wiege es in der Hand. Dann schiebe ich es in die Lederscheide. Es passt wie angegossen. Sieben Stunden haben Alex und ich an dem Messer gearbeitet und zumindest ich spüre ein leichtes Ziehen im rechten Arm. Zum Schmieden fehlen mir eindeutig ein paar Muskeln, aber während ich das Messer betrachte, beginne ich zu verstehen, was Alex an diesem Handwerk so begeistert.