Alles nur Fassade?

Plätschernd bis rauschend sucht sich der Ostertalbach seinen Weg in die Gunzesrieder Ach. Entlang seines Wassers finden Wanderer Ruhe – aber das war nicht immer so.

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Schindeln gehören zum Allgäu fast schon gleichermaßen wie die Berge. Ihre Geschichte reicht Jahrtausende zurück – beginnt aber ganz und gar nicht an der Hauswand.

Sie sind Teil des Allgäuer Idylls: alte Bauernhäu- ser mit geschindelten Wänden und hölzernen Fensterläden. Schindeln scheinen der Inbegriff des Urigen zu sein. Sind mitverantwortlich, dass das Allgäu so authentisch wirkt. Tatsächlich liegt der Ursprung der Schindel aber viel weiter zurück, als das Allgäu als solches überhaupt existiert. Denn es gibt die kleinen Holzplatten bereits seit etwa 4000 Jahren, womit sie ihre Wurzeln in der Jungsteinzeit haben. Zudem wa- ren sie damals weder klein, noch rund, noch zur Verkleidung der Hausfassade gedacht.

HISTORIE DER URSCHINDEL

Wir treffen einen, der es wissen muss: Georg Hummel, Inhaber vom Schindelzentrum Allgäu in Oberstaufen. Er hat es sich nicht nur beruf- lich zur Aufgabe gemacht, Schindeln herzu- stellen, sondern auch privat deren Historie nachzuspüren. Hummel erzählt, dass Schindeln einst zur Dachdeckung gedient hätten. „Die Urschindel war eine ganz lange Schindel.“ Bis zu einem Meter habe sie gemessen. Auf diese Worte hin zieht er ein altes Stück Holz hinter ei- nem Schrank in seinem Büro hervor. Was mehr nach einem langen Brett aussieht, ist für Laien schwerlich als Schindel zu erkennen.

GRÖSSTES PROBLEM: DIE BEFESTIGUNG

Mancherorts gibt es im Allgäu solche Urschin- deln bis zum heutigen Tage auf den Dächern
– etwa in Gerstruben. Wer aufmerksam durch das einstige Bergbauerndorf nahe Oberstdorf spaziert, bemerkt schräge Holzstangen auf den Dächern und große Steine. Typisch für schneereiche Gebiete rund um die Alpen, weiß der Schindelhersteller. „Heute kennen wir es ja eigentlich nur noch so, dass Schindeln mit Nägeln befestigt werden“, erklärt er. „Aber die ersten geschmiedeten Nägel waren dazu viel zu teuer.“ Weswegen man die Neigung der Dächer reduzierte, um die Schindeln auflegen und mit Steinen beschweren zu können. Im All- gäu bekamen diese Legschindeln sogar einen eigenen Namen: Landern.

Schindeln in Städten

Wer jedoch denkt, die Schindel sei nur im ländlichen Raum verbreitet gewesen, der irrt. „Die ärmlichen Viertel in München hatten früher Schindeldächer. Vor allem auch mittelalterliche Städte wie Nürnberg“, sagt Hummel. „Das kann man sich heute kaum vorstellen.“ Feuersbrünste setzten der Schindel in Städten ein Ende. Der Bau von Ziegeldächern wurde angeordnet. Auf dem Land hingegen, wo es viel Wald gebe und die Bevölkerung ärmer ge- wesen sei, eben in Regionen wie dem Allgäu, habe sich die Dachdeckung mit Schindeln lange gehalten, erzählt der Oberstaufener. „Dort haben die Leute ihre Schindeln im Winter selbst hergestellt.“

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Kleine Schindeln, großer Geldbeutel

Die Schindel an der Wand, wie wir sie heutzutage kennen, hat eine vergleichsweise kurze Geschichte, denn sie gibt es erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Allgäu, als Schindelnägel preisgünstig produziert werden konnten. Zu dieser Zeit ließ sich der Wohlstand einer Familie an der Fassade ihres Hauses ablesen. Zwar war es den Bauern laut Hummel zuwider, mit Geld offenkundig zu prahlen, doch zeigte sich ihr monetärer Status schließlich trotzdem: Je filigraner die Schin- deln an der Hauswand, desto wohlhabender war der Bauer.

NICHT FÜR DIE EWIGKEIT

Georg Hummel importiert für die Herstellung seiner Schindeln Zedernholz aus Kanada. Vielen leuchtet das nicht ein, wurden Dachschin- deln im Allgäu früher doch aus heimischem Fichten- und Tannenholz gefertigt. Warum also nicht das Holz nutzen, das in nächster Umgebung wächst? Tatsächlich räumt Hummel ein, dass die Dachschindeln früherer Tage 30 bis 50 Jahre den rauen Witterungen des Allgäus getrotzt hätten. Heutige Herstellweisen haben die Haltbarkeiten aber auf 12 bis 20 Jahre verkürzt. Das kanadische Holz geht schlichtweg weni- ger schnell kaputt.

Nachhaltigkeit neu gedacht

Grund für die damals längere Haltbarkeit sei nach Hummels Kenntnis die Lagerung: Man schichtete die Schindeln lose bis zu fünf Jahre auf und ließ sie trocknen, bevor damit das Dach gedeckt wurde. Ihre Erfahrung lehrte die Menschen, dass das Holz so länger haltbar war. Die Ursache dafür kannten sie nicht. Der Schindelhersteller kann es heute erklären: „Ein Baum nimmt beim Wachsen nicht nur Nährstoffe auf, sondern auch den Pilz, der es später zersetzt.“ Soll heißen: Nur wenn die Schindeln über Jahre trocknen, kann dieser Pilz, der heimischen Tannen und Fichten eigen ist, vernichtet werden.

Diese Lagerung würde Schindeln jedoch unbezahlbar machen. Darum müsse Nachhaltigkeit für Hummel im Zusammenhang mit Schindeln neu definiert werden: nämlich nicht nach dem Umkreis, aus dem das Holz stamme, sondern danach, ob ein Dach in 50 Jahren nur einmal mit Holz aus Kanada anstatt dreimal mit heimischem Holz gedeckt werden müsse. Bleibt die Frage, wie groß der Aufschrei wohl wäre, wenn man dreimal so viele Bäume abholzen müsste, um ein und dasselbe Dach zu schindeln.

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