Wogegen kein Unkraut gewachsen ist

Robust und doch manchmal zimperlich: Das ist Rote Bete. Die Hofgemeinschaft Heggelbach baut sie und anderes Gemüse an. Dank ökologischer Landwirt- schaft gedeiht die pflegeleichte Knolle meist sehr gut. Ausfälle gibt es natürlich trotzdem.

 

„Wir leben nicht in einer Welt, in der man Dinge isoliert betrachten kann“, sagt Florian Reyer von der Hofgemeinschaft Heggelbach. „Alles, was ich tue, hat einen Einfluss auf etwas anderes.“ Und dieser Einfluss kann schnell einmal negative Folgen haben. Etwa, wenn der Natur mehr abverlangt wird, als ihr guttut. Wenn zu diesem Zweck Äcker überdüngt und ausgelaugt werden, bis nichts mehr recht auf ihnen wachsen will. Weswegen Reyer eine unumstößliche Meinung zur ökologischen Landwirtschaft hat: Sie ist nicht ein Weg unter vielen, sie ist der einzige Weg.

Doch eigentlich haben wir an diesem düsteren, regnerischen Vormittag nicht den weiten Weg bis Heggelbach, das zwischen dem hintersten Zipfel des Bodensees und Pfullendorf liegt, auf uns genom- men, um über ökologische Landwirtschaft zu diskutieren – zumindest nicht primär.

Die Hofgemeinschaft baut unter anderem Rote Bete an. Ein Gemüse, das gerade in den Wintermonaten besonders aktuell ist, weil es sich so gut lagern lässt. Früher zählte die Rote Bete zusammen mit Steckrüben vor allem in ärmeren Bevölkerungsschichten zu den Grundnahrungsmit- teln während der kalten Jahreszeit. Grund genug, mehr über die Rote Knolle und ihren Anbau herauszufin- den.

Warum die Hofgemeinschaft bereits seit 1989 Rote Bete anbaut? Viele der Felder sind in Hanglage und auch die Bodenarten wechseln sich aufgrund der Endmoränen-Landschaft ab. „Wir leben hier in keiner Gemüse- bauernregion“, gesteht Reyer,

der in lässigem Kapuzenpulli dasitzt. Eine Lösung haben sie trotzdem gefunden.

Gemüse ist schließlich nicht Gemüse. Man muss nur das passende Gemüse für die landschaftlichen Gegebenheiten finden – und das ist zum Beispiel Rote Bete. Ein verhältnismäßig anspruchsloses Gemüse, das durch seine tiefe Pfahlwurzel in Maßen mit Trockenheit zurechtkommt.

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Düngen ist Fehlanzeige

Angebaut wird die Rote Bete auf dem freien Feld von März bis Okto- ber. Weil im Frühjahr die Bedingun- gen für die frische Saat zu schlecht sind, werden zunächst vorgezogene Pflanzen angebaut. Gedüngt wird die Rote Bete zu keiner Zeit. Das ist Teil der Philosophie der Hofgemeinschaft Heggelbach. „Die Pflanze soll sich aus dem Bodenleben heraus ernähren und selbst Nährstoffe mobilisieren“, erklärt Reyer. Weswegen sein Gemüse auch keine Probleme mit dem Nitrat-Gehalt habe und sich somit für Babynahrung eigne.

Strenge Fruchtfolge

Was durchaus mit Kompost gedüngt wird, sind die Zwischenfrüchte, die im Winter die Felder grün halten. Im Frühjahr arbeitet man sie in den Boden ein, wodurch Gemüse wie die Rote Bete genug Nährstoffe vorfindet, um ohne Düngemittel wachsen zu können. Außerdem halten sich die Gemüsebauern von Heggelbach an eine strenge Fruchtfolge. Wie alle anderen Sorten darf auch die Rote Bete nur alle fünf Jahre auf demselben Feld angebaut werden. In der Zwischenzeit wachsen dort abwechselnd andere Gemüsearten und Getreide. 

Grosses Ganzes

Ob sich dieser Aufwand wohl lohnt? Der 38-jährige Florian Reyer ist davon überzeugt. Schließlich bewirke eine vielfältige Fruchtfolge, dass auch die Rote-Bete-Kulturen gesünder sind. Ein Kreislauf. Um die Gemüsepflanzen allein geht es dem Landwirt ohnehin nicht: „Es ist ja alles ein großes Ganzes, ein Organismus.“ So gebe es laut Reyer immer einen guten Grund, warum sich Schädlinge auf den Feldern breitmachen. Dann nämlich, wenn der Boden ausgelaugt ist, weil auf zu kleiner Fläche zu viel Ertrag erzielt werden will oder wegen Monokulturen. Und dann auch, wenn die Pflanzen krank sind. Bei der Hofgemeinschaft Heggelbach hingegen muss man Schädlinge in der Regel lange suchen, denn alles scheint im Gleichgewicht.

Nicht alles ist brauchbar

Ein Schein, der manchmal trügt. Denn auch besonders ökologische Landwirtschaft kann den Ausschuss nicht restlos verhindern. Bei der Roten Bete können etwa fünf Prozent gar nicht verwendet werden. Einige Knollen fallen auch der mechanischen Bearbeitung zum Opfer. Zudem findet sich Rote Bete, die zu klein oder verformt gewachsen ist oder äußerlich geringfügige Verlet- zungen aufweist. Letztere Exemp- lare werden geschält, geschnitten, kontrolliert und im eigenen Saft ohne Zusatzstoffe gekocht. Eine Weiter- verarbeitung, die nun einmal auch Teil der Nachhaltigkeit ist.Schwierige Eigenarten hat im Übrigen auch die ansonsten so pflegeleichte Rote Be- te: Die Temperatur im Kühlhaus darf bei der Lagerung vier Grad Celsius nicht unterschreiten. „In der Hinsicht ist sie empfindlich“, gibt Reyer zu. Was auf den Kälteschock folgt? Die Knollen färben sich schwarz.

Zeitlauf mit dem Unkraut

Schwierig sei auch die Kindheits- und Jugendentwicklung der Roten Bete. In der ersten Woche nach dem Aussäen benötigt das Wurzelgemüse nach Reyers Aussage feuchten Boden. Auch anschließend dürfe es nicht durchgehend 35 Grad Celsius warm und trocken sein. Nicht zu vergessen: Das Unkraut sollte auf keinen Fall schneller wachsen als die Rote Bete. Für die Hofgemeinschaft bedeutet das ansonsten, viel Zeit mit Handarbeit auf dem Acker zuzubringen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis mit den Zwischenfrüchten, denn wird der Boden durch sie gepflegt, wächst auch kaum Unkraut.

Monotonie ade

Bleibender Eindruck ist jener von einer Landwirtschaft, die nicht aus der Natur heraus wirtschaftet, sondern Hand in Hand mit ihr. Die auf Vielfalt zählt, auf Qualität statt Masse. Und die sogar sichtbar wird durch eine abwechslungsreiche Landschaft rund um die Hofgemeinschaft Heggelbach. Dort reiht sich nicht Maisfeld an Maisfeld. Es wächst Getreide, Kühe weiden auf dem Kleegras und verschiedenes Gemüse gedeiht auf den Äckern. Betrachtet man all das in seiner Gesamtheit, kommt man doch wieder zu dem Schluss: Alles ist im Gleichgewicht.